Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Artenvielfalt und Landschaftsqualität

Diagramm

Grafik: BfN 2014, Daten: DDA 2013
Das Säulendiagramm zeigt die Entwicklung des Indikators „Artenvielfalt und Landschaftsqualität“.

Kurzfassung

Indikator "Artenvielfalt und Landschaftsqualität"
Themenfelder der NBS Fast alle Themenfelder, insbesondere C 1 Biotopverbund und Schutzgebietsnetze, C 6 Land- und Forstwirtschaft und C 12 Ländlicher Raum und Regionalentwicklung
Definition Der Indikator liefert Informationen zur Artenvielfalt, Landschaftsqualität und Nachhaltigkeit der Landnutzungen.
Gemessene oder beobachtete Größe Index (Maßzahl in %) über die bundesweiten Bestandsgrößen ausgewählter repräsentativer Vogelarten in Hauptlebensraum- und Landschaftstypen
Letzter berichteter Wert 63 % (Stand: 2011)
Ziel/Zielwert Bis zum Jahr 2015 sollen die Teilindikatoren und der Gesamtindikator jeweils einen Zielwert von 100  % erreichen.
Status MinusDer aktuelle Wert liegt noch weit vom Zielbereich entfernt (Zielerreichungsgrad 50 % bis < 80 %).
Trend Pfeil nach untenStatistisch signifikanter Trend weg vom Ziel bzw. Zielwert
Kernaussage Die Indikatorwerte liegen nach wie vor weit vom Zielwert entfernt. Bei gleichbleibender Entwicklung kann das Ziel von 100 % im Jahr 2015 nicht ohne erhebliche zusätzliche Anstrengungen von Bund, Ländern und auf kommunaler Ebene in möglichst allen betroffenen Politikfeldern erreicht werden.
Indikatorensystem NHS, KIS, LIKI, SEBI

Einführung

Kiebitze (Vanellus vanellus) © Andrew Howe / iStockphoto.com
Foto mehrerer Kiebitze

Eine große Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten ist eine wesentliche Voraussetzung für einen leistungsfähigen Naturhaushalt und bildet eine wichtige Lebensgrundlage des Menschen. Die Artenvielfalt ist dabei eng verbunden mit der Vielfalt an Lebensräumen und Landschaften. In Deutschland sind Natur und Landschaft durch Jahrhunderte währende Nutzungen geprägt, was zur Entstehung artenreicher Kulturlandschaften geführt hat. Zur Erhaltung der auf diese Weise entstandenen und der natürlich gewachsenen biologischen Vielfalt reicht ein kleinflächiger Schutz von Arten und Lebensräumen nicht aus. Vielmehr sind nachhaltige Formen der Landnutzung in der Gesamtlandschaft, eine Begrenzung von Emissionen und ein schonender Umgang mit der Natur erforderlich.

Um den Zustand von Natur und Landschaft unter dem Einfluss vielfältiger Nutzungen auf der gesamten Fläche Deutschlands in zusammenfassender Form zu bewerten, wurde ein Indikator entwickelt, der die Veränderungen der Bestände ausgewählter Vogelarten darstellt, welche die wichtigsten Landschafts- und Lebensraumtypen in Deutschland repräsentieren. Die Größe der Bestände (nach Anzahl der Reviere bzw. Brutpaare) spiegelt die Eignung der Landschaft als Lebensraum für die ausgewählten Vogelarten wider. Da neben Vögeln auch andere Arten an eine reichhaltig gegliederte Landschaft mit intakten, nachhaltig genutzten Lebensräumen gebunden sind, bildet der Indikator indirekt auch die Entwicklung zahlreicher weiterer Arten in der Landschaft und die Nachhaltigkeit der Landnutzung ab.

Der Indikator „Artenvielfalt und Landschaftsqualität“ wurde als Schlüsselindikator für die Nachhaltigkeit von Landnutzungen im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie (Bundesregierung 2002) entwickelt und in die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt übernommen. Er wird aktuell auch im Indikatorenbericht 2014 zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie berichtet (Statistisches Bundesamt 2014).


Definition

Der Indikator liefert Informationen zur Entwicklung der Artenvielfalt, Landschaftsqualität und Nachhaltigkeit der Landnutzungen. Er fasst hierfür Angaben über die bundesweiten Bestandsgrößen ausgewählter repräsentativer Vogelarten der wichtigsten Landschafts- und Lebensraumtypen Deutschlands in einer einfachen Maßzahl zusammen.

Für die Zielwertbildung hat ein Expertengremium für jede einzelne Vogelart einen Bestandswert für das Jahr 2015 festgelegt, der erreicht werden kann, wenn europäische und nationale rechtliche Regelungen mit Bezug zum Naturschutz und die Leitlinien einer nachhaltigen Entwicklung zügig umgesetzt werden. Die Zielwerte der Indikatorarten für das Jahr 2015 wurden zunächst als Vielfaches der damals bekannten Bestandsgrößen des Jahres 2002 bestimmt. Die resultierenden Indexwerte wurden nachfolgend einheitlich auf 100 % normiert. Daher ergeben sich für die Teilindikatoren und den Gesamtindikator jeweils Zielwerte von 100 %.

Die Bundesregierung hat beschlossen, für die Berichterstattung zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt den Indikator „Artenvielfalt und Landschaftsqualität“ mit einem Zielwert von 100  % im Jahr 2015 beim Gesamtindikator und bei den Teilindikatoren zu verwenden.


Aufbau

Der Berechnung des Indikators liegt die Entwicklung der Bestände von derzeit 51 Vogelarten zu Grunde, die die wichtigsten Landschafts- und Lebensraumtypen in Deutschland repräsentieren (Teilindikatoren zum Agrarland, zu Wäldern, Siedlungen, Binnengewässern sowie Küsten und Meeren). Für die Teilindikatoren wurden in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Vogelschutzwarten der Länder und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) jeweils 10 – bzw. bei den Wäldern 11 – repräsentative Vogelarten als Indikatorarten ausgewählt. Auf der Basis von Daten aus Programmen des Vogelmonitorings – u. a. Zählungen von Brutpaaren in Probeflächen, die über ganz Deutschland verteilt sind – wird für jede Art jährlich die bundesweite Bestandsgröße errechnet. Diese wird in Relation zur Größe des für das Jahr 2015 festgelegten artspezifischen Zielwertes gesetzt. Dadurch ergibt sich ein jährlicher Zielerreichungsgrad in Prozent. In die Berechnung des Indikators wurde das im Jahr 2004 begonnene Monitoring häufiger Brutvögel einbezogen, das räumlich repräsentativ und statistisch belastbar ist. Hierfür wurden im Jahr 2011 die Bestände der Indikatorarten auf mehr als 1.400 Probeflächen erfasst.

Für jeden Teilindikator wird der arithmetische Mittelwert der Zielerreichungsgrade über alle 10 bzw. 11 ausgewählten Vogelarten gebildet. Diese Mittelwerte erlauben Aussagen zum Zustand der Hauptlebensraum- bzw. Landschaftstypen. Der Gesamtindikator errechnet sich aus einer gewichteten Summierung der Teilindikatoren. Die Gewichtung bezieht sich dabei auf den Flächenanteil des jeweiligen Hauptlebensraum- bzw. Landschaftstyps an der Fläche Deutschlands. Die bisherige Bilanzierung des Teilindikators zu den Alpen wurde vorübergehend ausgesetzt, da die Datengrundlage derzeit nicht ausreichend belastbar ist. Die Angaben des Gesamtindikators beziehen sich demzufolge derzeit auf Deutschland ohne die Alpen. Die Datenreihe wurde hierfür rückwirkend neu berechnet. Für den ausgesetzten Teilindikator soll künftig die Datengrundlage durch Erweiterung der Zahl der Probeflächen verbessert werden. Die historischen Werte für die Jahre 1970 und 1975 sind rekonstruiert. Die Werte einiger Vogelarten in den Lebensräumen der Binnengewässer sowie Küsten und Meere wurden in einzelnen Jahren extrapoliert.

Hauptlebensraum- bzw. Landschaftstyp Gewichtungsfaktor Ausgewählte repräsentative Vogelarten
Agrarland 0,52 Braunkehlchen, Feldlerche, Goldammer, Grauammer, Heidelerche, Kiebitz, Neuntöter, Rotmilan, Steinkauz, Uferschnepfe
Wälder 0,28 Grauspecht, Kleiber, Kleinspecht, Mittelspecht, Schreiadler, Schwarzspecht, Schwarzstorch, Sumpfmeise, Tannenmeise, Waldlaubsänger, Weidenmeise
Siedlungen 0,11 Dohle, Gartenrotschwanz, Girlitz, Grünspecht, Hausrotschwanz, Haussperling, Mauersegler, Mehlschwalbe, Rauchschwalbe, Wendehals
Binnengewässer 0,06 Eisvogel, Flussuferläufer, Haubentaucher, Kolbenente, Rohrdommel, Rohrweihe, Seeadler, Teichrohrsänger, Wasserralle, Zwergtaucher
Küsten und Meere 0,03 Austernfischer, Eiderente, Flussseeschwalbe, Kornweihe, Küstenseeschwalbe, Mittelsäger, Rotschenkel, Sandregenpfeifer, Trottellumme, Zwergseeschwalbe
Alpen ausgesetzt ---

Aussage

Der Wert des Indikators für die Artenvielfalt lag im Jahr 1990 deutlich unter den Werten, die für die Jahre 1970 und 1975 rekonstruiert wurden. Dies ist auf Bestandseinbrüche bei vielen Indikatorarten des Agrarlandes, der Siedlungen und der Binnengewässer vor 1990 zurückzuführen. Die Teilindikatoren der Wälder sowie der Küsten und Meere blieben hingegen über diesen Zeitraum stabil.

In den letzten zehn Beobachtungsjahren (2001 bis 2011) hat sich der Indikatorwert statistisch signifikant verschlechtert. Im Jahr 2011 lag er nur noch bei 63 % des Zielwertes und ist damit auf den tiefsten Wert der dargestellten Zeitreihe gesunken. Dieser negative Trend des Gesamtindikators wird wesentlich durch den Teilindikator für das Agrarland beeinflusst. Dieser ist in 2011 bis auf 56 % des Zielwertes abgesunken und hat sich in den letzten zehn Jahren statistisch signifikant verschlechtert. Auch der Teilindikator für Küsten und Meere (in 2011 bei 61 % des Zielwertes) entwickelte sich in den letzten zehn Jahren statistisch weg vom Ziel. Die Teilindindikatoren für Binnengewässer und für Siedlungen lagen 2011 jeweils bei 68 % des Zielwertes (ohne statistisch signifikanten Trend). Der Teilindikator für Wälder verzeichnete mit 76 % des Zielwertes in 2011 den günstigsten Wert unter den Teilindikatoren (jedoch ohne statistisch signifikanten Trend).

Unter den derzeit 51 Vogelarten des Indikators befinden sich sieben Langstreckenzieher, die vorwiegend in Afrika südlich der Sahara überwintern. Die Zahl der am Ende des Winters nach Deutschland zurückkehrenden Vögel hängt bei diesen Arten von den Bedingungen in den Winterquartieren und auf den Zugwegen ab. Bei den Beständen in Deutschland zeigten fünf dieser Arten in den letzten zehn Jahren einen ansteigenden oder gleichbleibenden Trend, zwei einen leicht abfallenden Trend. Auch wenn hierdurch die Werte des Indikators und einzelner Teilindikatoren eher positiv beeinflusst werden, besteht grundsätzlich die Notwendigkeit einer verstärkten europäischen und internationalen Zusammenarbeit beim Schutz von Zugvogelarten. Hier sind insbesondere Regelungen erforderlich, die die Jagd und den Fang in den Überwinterungsgebieten und auf den Zugrouten deutlich einschränken sowie die Lebensräume dieser Arten u. a. in Afrika erhalten.


Fazit

Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang der Artenvielfalt sind – regional unterschiedlich – die intensive landwirtschaftliche Nutzung, die Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, die Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge (z. B. Säurebildner oder Nährstoffe). Im Siedlungsbereich wirken sich Verluste an naturnahen Flächen und dörflichen Strukturen aufgrund von Bautätigkeit und Flächenversiegelung negativ aus. Gefährdungsfaktoren für Lebensräume an der Küste sind Störungen durch eine gestiegene Freizeitnutzung und die Verbauung, z. B. durch Küstenschutzmaßnahmen und den Ausbau von Windenergieanlagen. Um beim Gesamtindikator und bei allen Teilindikatoren einen positiven Trend zu erreichen, bedarf es erheblicher zusätzlicher Anstrengungen von Bund, Ländern und auf kommunaler Ebene in möglichst allen betroffenen Politikfeldern. Dabei sollte ein Fokus auf das Agrarland sowie die Küsten und Meere gelegt werden.

 

 

Nach oben

Weitere Informationen

Der Indikator liefert Informationen zur Artenvielfalt, Landschaftsqualität und Nachhaltigkeit der Landnutzungen.

Die historischen Werte für die Jahre 1970 und 1975 sind rekonstruiert. Die Zeitreihen wurden nach einer methodischen Umstellung der Basisdaten mit einem modifizierten Verfahren neu berechnet. Die Werte einiger Vogelarten in den Lebensräumen der Binnengewässer sowie der Küsten und Meere wurden in einzelnen Jahren extrapoliert. Der Teilindikator zu den Alpen ist derzeit über die gesamte Datenreihe ausgesetzt.