Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Klimawandel und Biodiversität in Europas Fließgewässern

Fließgewässer sind empfindliche Ökosysteme. Wie werden sie sich unter dem Einfluss des Klimawandels verändern? Und was bedeutet das für die darin lebenden Tierarten? Eine neue Studie zeigt, dass neben den an Kälte angepassten Arten vor allem Endemiten Verlierer des Klimawandels sein werden. Diese kleinräumig verbreiteten und auf besondere Lebensräume spezialisierten Arten reagieren sehr empfindlich auf klimatische Veränderungen.

Dr. Sami Domisch, Wissenschaftler am Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (BiK-F) und Leitautor der Studie stellte heraus, dass die biologische Vielfalt in Fließgewässern stärker zurückgehe als in den Meeren und an Land. Flüsse und Bäche seien besonders empfindlich gegenüber klimabedingten Veränderungen wie steigenden Temperaturen oder Abflussveränderungen. „Wir haben untersucht, inwieweit die potentiellen Verbreitungsgebiete der Tiere durch den Klimawandel beeinflusst werden könnten”, so Domisch. 

Basierend auf verschiedenen Klimaszenarien modellierten die Wissenschaftler die potentiellen klimatischen Areale von 191 europäischen Makrozoobenthos-Arten (mit bloßem Auge erkennbare Lebewesen des Gewässergrunds, z. B. Insektenlarven, Würmer-, Muschel- und Krebstierarten) bis ins Jahr 2080. Dabei gingen sie von der Hypothese aus, dass sich die Verbreitungsareale europäischer Tierarten im Zuge des Klimawandels in Richtung Norden bewegen.

Die Ergebnisse der Studie legen den Schluss nahe, dass trotz des Klimawandels auch im Jahr 2080 noch für 99 Prozent der untersuchten Arten  geeignete klimatische Bedingungen in Europas Fließgewässern zu finden sein werden. Ob die einzelnen Arten überleben können, hängt aber entscheidend von der Größe der verbleibenden Lebensräume ab und ob die Arten diese erreichen können.

Insbesondere für an Kälte angepasste Arten und zahlreiche endemische Arten in Südeuropa, derer spezieller Lebensraum ohnehin räumlich begrenzt ist, kann der Klimawandel existenzbedrohend werden, da geeignete Ersatzlebensräume für sie häufig unerreichbar sind. Nach Berechnungen der Forscher könnten von einem Rückgang der potentiellen Lebensräume bis zu 83 Prozent der endemischen Arten betroffen sein. Je nach Klimaszenario betragen die errechneten Lebensraumverluste für diese Arten zwischen 28 bis 46 Prozent.

Gewinner des Klimawandels sind voraussichtlich hingegen solche Arten, die an höhere Temperaturen gut angepasst sind. Ihr potenzielles Verbreitungsgebiet dürfte sich unter dem Einfluss der Klimaerwärmung vergrößern. 

Die Modellrechnungen und ihre Projektion auf das Jahr 2080 verdeutlichen einerseits, dass Süßwasser-Organismen sehr sensibel auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren. Die Studie zeige andererseits aber auch, dass wir noch viel mehr wissen müssen, um die Konsequenzen des Klimawandels für ökologische Funktionen und für die Artenvielfalt besser abschätzen zu können, so Domisch.

Die Modellierung der Verbreitungsgebiete von Arten unter künftigen Klimaszenarien stelle deshalb ein wichtiges Werkzeug dar, um die möglichen Auswirkungen auf die Verbreitungsgebiete der Arten zu verstehen und daraus Maßnahmen für den Schutz der Biodiversität von Fließgewässern abzuleiten. 

Quelle: Pressemeldung des Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt vom 3. Januar 2013

Publikation:
Domisch, S., Araújo, M. B., Bonada, N., Pauls, S.U., Jähnig, S.C., Haase, P.: Modelling distribution in European stream macroinvertebrates under future climates. Global Change Biology, doi: 10.1111/gcb.12107 

Letzte Änderung: 15.01.2013

 Artikel drucken