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Komplexe Abhängigkeit: Biodiversität und menschliche Entwicklung

Einer neuen vom Sekretariat der CBD veröffentlichten Studie zufolge wird die komplexe Abhängigkeit des Menschen von der Natur in Forschung und Politik nicht angemessen berücksichtigt.

Der Schutz funktionierender Ökosysteme ist eine Grundvoraussetzung für ein langfristiges Wohlergehen des Menschen und das Fortbestehen der Zivilisation. Unglücklicherweise wird diese Abhängigkeit von einem Großteil der Menschheit verkannt. Der neue vom Sekretariat der UN-Biodiversitäts-Konvention herausgegebene Bericht analysiert die komplexen Zusammenhänge zwischen biologischer Vielfalt und menschlicher Entwicklung.

Der unter Federführung der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde entstandene Bericht behandelt das Verhältnis zwischen Biodiversität und Entwicklung sowohl anhand von Fallstudien als auch auf der theoretischen Ebene. Die Autoren schlagen einen Bogen von der anthropogenen Evolution bis hin zur Forderung einer radikalen, auf Menschen-bezogenen Werten basierenden Interpretation des Ökosystem-Ansatzes der CBD.

Der Mitherausgeber des Buches, Professor Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Deutschland postuliert: “Radikales Denken und radikale Ansätze sind nötig, um den konvergierenden Herausforderungen von explodierendem Wachstum der Bevölkerung mit immer schneller wachsenden Bedürfnissen und Ansprüchen sowie den dramatisch anschwellenden Problemen des globalen Umweltwandels zu begegnen. Zu oft beschäftigt sich die Erhaltung der biologischen Vielfalt mit der Behandlung lediglich einzelner Symptome von etwas, das einer komplexen Krankheit gleicht”.

Dr. Ahmed Djoghlaf, Generalsekretär der Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen, pflichtet den Autoren der Studie in seinem Vorwort bei: “Unsere moderne Zivilisation erfährt – aufgrund zunehmender Urbanisierung und stark zersplitterten Wissens – eine zunehmende Entfremdung von der Natur und damit eine Verringerung des allgemeinen Verständnisses unserer realen Abhängigkeit von Biodiversität und Ökosystemen. Das komplexe, mit einer weltweiten Finanzarchitektur verflochtene globale Wirtschaftssystem hat die Tatsache, dass all diese menschlichen Systeme als Teil-Systeme des großen Erdökosystems verschachtelt bleiben, verschleiert”.

Die Autoren der Studie fordern einen radikalen Ansatz der Biodiversitätserhaltung. Im Rahmen eines „Radikalen Ökosystemansatzes“ sollten sich die Bemühungen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt viel stärker auf die zugrunde liegenden Ursachen von nicht nachhaltiger Entwicklung konzentrieren. Konkrete Elemente zur Umsetzung dieses Ansatzes könnten „Ökologische Ökonomie“ und „Ökonik“ sein. Ökonik wird als eine neue Disziplin vorgeschlagen, welche die Nachahmung von Ökosystemprozessen und -funktionen vorantreibt, um ein verbessertes Ökosystemmanagement und Funktionieren sozioökonomischer Systeme zu erreichen.

„Wir müssen viel systematischer aus der Untersuchung natürlicher komplexer Systeme lernen, wie nachhaltige Entwicklung erreicht werden kann“, sagt der britische Koautor Dr. Peter Hobson vom Writtle College. Dies schließt auch eine alternative Wissenschaftsperspektive ein, welche die unvollkommene Erkenntnisfähigkeit des Menschen berücksichtigt und auf das Management pluralistischer und komplexer Systeme angemessen eingeht. Eine derartige Wissenschaft geht über das Aufführen von ‚harten Fakten‘ und entsprechender klassischer wissenschaftlicher Beweisführung hinaus.

Ein sogenannter post-normaler Ansatz zur Erhaltung von Natur und natürlichen Ressourcen umfasst auch eine bessere Berücksichtigung sozialer und historischer Beziehungen bzw. kultureller Eigenheiten, welche im Rahmen einer gemeinsamen Entwicklung von menschlichen Gesellschaften und Natur entstanden sind. Die Mitherausgeberin der Studie Thora Herrmann von der Universität Montreal warnt: „Die bio-kulturelle Vielfalt ist ernsthaft bedroht. Die Krise des Aussterbens in der Natur umfasst Arten und Ökosysteme, aber auch Sprachen und die diversen Managementpraktiken hunderter menschlicher Kulturen”.

(Quelle: www.klimaplastischer-naturschutz.de/node/30, © Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH), Universität Potsdam, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung)

Studie: Ibisch, P.L. & A. Vega E., T.M. Herrmann (eds.) 2010. Interdependence of biodiversity and development under global change. Technical Series No. 54. Secretariat of the Convention on Biological Diversity, Montreal.

Der Bericht liegt in englischer Sprache vor und steht unter folgendem Link als PDF zum Download zur Verfügung: www.cbd.int/doc/publications/cbd-ts-54-en.pdf

Letzte Änderung: 16.12.2010

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